nedjelja, 19. srpnja 2026.

Tief sind die Wälder in der Nacht wie ein grundloser See, und du blickst schweigend auf einen Stern über Melatín, denkst an das Wild, das in der Tiefe das Waldes schläft, an den tiefen Schlummer aller und an alles, was niemals in dir entschlafen wird. Lang, endlos lang sind dämmrige Tage; wie oft durchschrittest du die Wälder an solchen Tagen, o Schritte und Erinnerungen ohne Zahl, und nie bist du an das Ende der Schritte und Erinnerungen gelangt: so lang und tief sind die Wälder über Melatín. Aber daß heut ein flammender Augustmittag ist — brennende Lücken in den Baumkronen und des Lichtes Sichel die Forste durchfahrend; daß ein so klarer Tag ist, wie wenn ihr schütterer würdet, tiefe Wälder, und vor der Sonne auseinanderträtet. Die Glut hat meine Erinnerungen ausgetrunken und fast schlief ich ein, ich weiß nicht ob vor Lust oder Ermattung, eingewiegt von den weißen Dolden, die über meinem Haupte schwanken. — An einem solchen Tage ging Ježek durch den Wald, zufrieden, daß er an nichts dachte und denken konnte. Breit atmete die Wärme zwischen den Bäumen. Ein Tannenzapfen riß sich los, — er hatte sich festzuhalten vergessen, weil es so windstill war; die Kronen kräuselten sich und überall zitterte Licht. Oh, welch schöner, herrlicher Tag! Wie schimmern silbern die schwanken Ährchen des Windhalms! Eingewiegt von Freude oder Langweile lauschte Ježek dem warmen Summen des Waldes. Geblendet stand er am Rande der Lichtung, wo unhörbar die Glut zitterte. Wer liegt da? Es ist ein Mensch. Er liegt mit dem Gesicht auf der Erde und ohne Regung. Fliegen weiden auf der ausgestreckten Hand, die sie nicht verscheucht. Ist er etwa tot?

Andächtig und mit Grauen bückte sich Ježek über die gereckte Hand, welche noch den alten Schlapphut hielt. Die Fliegen entflohen nicht einmal. An dem verblaßten Futter waren noch einige Buchstaben leserlich: ..ERTA. EL SOL. Puerta del Sol, erriet Ježek erstaunt und neigte sich über das Antlitz des Toten. Aber da öffnete dieser die Augen und sagte: „Möchten Sie mir nicht eine Zigarette geben?“

„Recht gern,“ atmete Ježek in nicht geringer Erleichterung eifrig auf. Der Mensch nahm die Zigarette, knetete sie sorgfältig, wälzte sich auf die Seite und ließ sich Feuer geben. „Danke,“ sagte er und begann nachzusinnen.

Er war nicht jung, durchgraut, mit breitem und unbestimmtem Gesicht; er war irgendwie sehr abgemagert in seinen Kleidern, so daß sie in seltsamen, leblosen Falten an ihm lagen. So war er ausgestreckt auf der Seite und rauchte, unbewegt irgendwohin zu Boden blickend.

Puerta del Sol, überlegte Ježek, Tor der Sonne; was hat er nur in Spanien gemacht? Nach einem Touristen sieht er nicht aus. Vielleicht ist er nicht gesund, daß er so heilige Augen hat. Puerta del Sol in Madrid.

„Sie waren in Madrid?“ sprach er unversehens aus.

Der Mensch atmete zustimmend durch die Nase und schwieg.

Er könnte sagen, wer er ist, überlegte Ježek; ein Wort gibt das andere, und das Übrige errätst du. — Er könnte übrigens sagen: Ja, ich war in Madrid; aber es ist nicht der entfernteste Ort, wo ich gewesen, und es gibt noch schönere Orte und ein wunderbareres Leben. Allerlei könnte er lügen. Siehe, jetzt besinnt er sich.

Der Mensch winkte leicht mit der Hand, unbestimmt und versonnen nirgendwohin blickend.

Vielleicht sagt er: Ich sehe, daß Sie mich teilnehmend betrachten; Sie haben mich für tot gehalten und sich mitleidig über mich gebeugt. Ich will Ihnen also die Historie meines Lebens berichten. Unterbrechen Sie mich nicht, falls Ihnen etwas unzusammenhängend oder unmotiviert erscheint. Lesen Sie nur auf meinem Gesicht, ob ich leicht und einfach gelebt habe. So irgendwie würde er etwa beginnen.

Aber der Mensch rauchte schweigend und langsam, die hellen, blicklosen Augen ins Unendliche geheftet.

Sicherlich wird er etwas sagen, dachte Ježek; es ist schwer, Worte für eines Lebens Verlauf zu finden. Es sei, ich warte. Leise legte er sich auf den Rücken. Die Sonne schlug ihm in die Augen und drang durch die geschlossenen Lider hindurch; rote und schwarze Kreise haben sich zu drehen begonnen und tanzen brennend vor den Augen. Die Wärme atmet in langen, feurigen Wellen, und Ježek fühlt sich so wohl, als würde er entführt von den schwarzen und roten Kreisen, von der Flut langgezogener Wellen, von unendlicher und unfortschreitender Bewegung. Wohin fließt diese starke hinreißende Bewegung? Ach nichts; nur die Bewegung des Lebens an seinem Ort.

Plötzlich wandte er sich. Über die Hand lief ihm eine helle Ameise, nicht wissend wohin auf der allzu großen Fläche. Auch uns, dachte Ježek, Ameislein, auch uns regt die allzugroße Welt auf: diese Fernen, Wanderer, diese hartnäckige Panik. Warum läufst du so? Warte, verweile; ich tu dir nichts, wenn ich auch groß bin. Ach, kleiner Abenteurer, ist’s nur Verwirrung, die dich so jagt? Wilde und verzweifelte Verwirrung der Einsamkeit? irgendeine Angst? Wo ist denn ein Tor, durch das du entrönnest?

Nahe, auf Griffweite nah hat sich ein Schmetterling mit weit geöffneten Flügeln auf eine Blume niedergelassen, wiegt sich auf der weißen Dolde und bewegt die leichten Flügel, schließt sie und breitet sie aus mit einer zauberischen und wollüstigen Bewegung, berauschend süß. Ach bleibe, o Lust! Verzaubere mein Herz nicht mit dieser ewigen Gebärde des Entfliehens! Bleib und lasse dich schaukeln, liebliches Weilchen, Sekunde ohne Gleichgewicht, unaussprechlicher Wink! Edle Begegnung nach solchen Qualen der Reise! Jungfräulich erbebten die Zauberflügel und jäh, unbegreiflich entschwindet der Falter, Sekunde, Wollust, als schlösse sich plötzlich ein Tor hinter ihm.

Ježek blickt empor. Wohin ist all das entflogen? Wohin entfliegt ihr, leuchtende Wolken, in zielloser und unermüdlicher Bewegung? Ach, so entführt zu werden, wegen nichts, aus gar keinem andern Grunde als wegen der Größe des Himmels; so entführt zu werden, weil der Raum groß ist und nicht endet! Weil die Sehnsucht groß ist und nicht endet. Sanfter Himmel, meine Seele ist friedlich wie meine Augen. Aber warum blickt ihr bis hinter den Horizont, friedliche Augen? Warum, friedlichste Seele, findest du immer die dämonische Tugend der Unrast in dir? Wie hoch segeln die Wolken, schwindlig hoch, — du möchtest sagen, bis am Tore der Sonne hin.

Puerta del Sol. Ježek sah sich um. Der Mensch, den er gefunden hatte, war wieder eingeschlafen, und sein Antlitz erschien unklar und zerquält, friedlich und weit. — Da stand Ježek auf, um ihn nicht zu wecken, und ging durch den warmen Wald, zerstreut, ohne Frage und wie gesättigt. Ihm war, als hätte er die Historie eines Lebens vernommen, eine wenig klare, aber nahe Geschichte, unzusammenhängend, aber nichtsdestoweniger eine Geschichte. — Ihm war, als hätte er die Historie eines Lebens vernommen und begönne schon sie zu vergessen.

The 400-Pound CEO – George Saunders - https://xpressenglish.com/our-stories/400-pound-ceo/

The Drowned Giant – J. G. Ballard - https://xpressenglish.com/our-stories/drowned-giant/

Earthmen Bearing Gifts – Fredric Brown - https://xpressenglish.com/our-stories/earthmen-bearing-gifts/

The Oldest Story in the World By Murray Leinster - https://www.gutenberg.org/cache/epub/79128/pg79128-images.html